Der Text

Charles Baudelaires ‚Les Fleurs du Mal’ besitzen den Status eines ‚Kultbuches’ und ihr Autor ist gleichsam ein später ‚Popstar’ der Literatur.

Die ‚Fleurs du Mal’ stellen einen literarischen Meilenstein dar, der den Beginn der Moderne in der europäischen Dichtung markiert. Ein vielschichtig schillerndes Konglomerat von Gedichten, deren sprachliche Intensität und Schönheit, deren Komplexität und inhaltliche Brisanz die Rezeptionsgeschichte bis in die heutige Zeit prägen. Die Faszination, die von diesem Werk und seinem Autor ausgeht, ist ebenfalls schillernd und vielschichtig. Beide, Werk und Autor, sind dabei in hohem Maße einer Mystifizierung unterworfen worden, so daß sie in der allgemeinen Wahrnehmung zu einer kaum entschlüsselbaren Einheit geworden sind.

Sowohl das Subjekt als auch die Welt, die uns in den ‚Fleurs du Mal’ entgegentritt, ist gleichzeitig real und imaginär, ist konkret und flüchtig zugleich. Baudelaires Betrachtungen und Phantasien sind nicht nur die Produkte eines vermeintlich perversen und amoralischen Wüstlings, sie sind auch und zugleich die aufgeschwemmten Sedimente des kollektiven Unbewußten. Seine Sehnsüchte und Reflexionen sind die des modernen Individuums, sind Ausdruck einer Suche nach sozialer und subjektiver Identität. Seine Welt ist die moderne Welt der urbanen Metropolen. In dieser Welt spiegeln sich alle anderen Welten, die realen Welten der fremden und exotisch anmutenden globalen Peripherie und die imaginären Welten verlorener Paradiese.

Das Projekt

Ausgehend von dieser Faszination war es das Ziel der vorliegenden Arbeit Charles Baudelaires ‚Fleurs du Mal’ mit den Mitteln einer ‚künstlerischen Hermeneutik’ zu durchschreiten, sie aus heutiger Sicht und mit heutigen Sinnen zu beleuchten und zu erleben und sie in einer zeitgemäßen musikalischen Sprache akustisch neu zu inszenieren.

Dabei werden Sprache und Musik so eng ineinander geführt, daß sie zu einer Einheit werden. Indem der Text akustisch artikuliert wird, tritt er ein Stück in das Medium der Musik über und überwindet die Beschränkungen der Diskursivität: eine Weiterführung des Bestrebens, daß der ‚verdichteten’ Sprache der Lyrik innewohnt.Christian Redl gelingt es als Sprecher auf einmalige Weise, die subtilen Ausdrucksmöglichkeiten eines Sängers zu nutzen: die feinen Nuancierungen von Rhythmus und Tempo, von Klang und Tonalität. Als Interpret sind seine Haltungen zum Text und zum Subjekt des Erzählers ebenso subtil gestaltet und in einem filigran changierenden Schwebezustand gehalten. Er ist Solist und Ensemblemitglied in einem, seine Stimme ist stets auch Teil der jeweiligen musikalischen Textur.

Die Musik ihrerseits spielt bewußt mit ihren idiomatischen Bezügen und quasi grammatikalischen Gestaltungsprinzipien. Aber so wie im Falle des Textes die konkreten Bedeutungen der Worte um einen assoziativen Deutungsraum und sinnlichen Gehalt erweitert werden, so wird auch in der Musik das jeweilige Material nicht im Sinne einer strengen idiomatischen Stringenz entwickelt. Vielmehr sind es auch hier die assoziativen Räume und atmosphärischen Temperaturen, die im Vordergrund stehen. Es entsteht eine musikalische Sprache, die zitiert und andeutet ohne zu montieren oder zu collagieren, eine musikalische Ästhetik, die ihr Material aus den unterschiedlichsten Quellen schöpft, Bekanntes dekonstruiert und Neues findet, die zugleich eigentümlich vertraut und seltsam fremd klingt.
In ihrem Verhältnis zum Text ist die Musik dabei keine bloße Folie oder gar Untermalung. Dort, wo Sprache und Musik miteinander verschmelzen, wo Sprache zu Musik und Musik zu Sprache wird, sind ihre Möglichkeiten und Wirkungen wesentlich vielfältiger. Sie kann atmosphärisch komprimieren, assoziativ neue Deutungsebenen eröffnen, szenische Situation allusieren, innere und äußere Welten und Bewußtseinszustände implizieren, die sinnliche Wahrnehmung und das intuitive Verstehen der Texte verstärken: sie verdichtet und entfaltet zugleich.

Diese musikalische Ästhetik hat ihre Entsprechung in der Arbeitsweise des Ensembles. Die Musik entsteht aus der freien Improvisation, wobei in diesem Spielprozeß die spieldynamischen und intuitiven Qualitäten des zeitgenössischen Jazz und der Improvised Music zur Geltung kommen.

Gleichzeitig gibt es jedoch eine im tradierten Sinne kompositorisch gestaltende Instanz. Vlatko Kucan, der diese Arbeitsweise mit Texten und Musik in zahlreichen Projekten entwickelt hat, ist dabei ein ‚supervidierender’ Komponist, der je nach Situation Material vorgibt, er-improvisiertes Material kommentiert und ordnet, dem Ensemble Spielanleitungen gibt und so den musikalischen Prozeß kanalisiert. Diesen Prozeß der Suche nach dem ‚richtigen’ Ausdruck und einer ‚gültigen’ Form und Gestalt ist eine Arbeit, die sich gleichzeitig am Text und an der Musik vollzieht.

V. Kucan
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